Schlagwörter

, , ,

Verkatert nach einer zu kurzen Kreuzberger Nacht habe ich zum Frühstück die Deutschlandfunksendung zum „Leben im Hamsterrad“ gehört: Entschleunigung in aller Munde, während der Stress überall mehr wird. Wer nicht mithält, fliegt raus aus den Jobs, bekommt keine Aufträge mehr. Aber auch Stress als Selbstvergewisserung: „Ich bin wichtig, also bin ich.“ In Berlin prallen die Gegensätze besonders heftig aufeinander: Eilende allenthalben. In der U-Bahn wird telefoniert und gesimst, was das Zeug  hält. Wie jeden morgen steht an der Hasenheide ein unscheinbarer Mann – trotz dicker Jacke frierend – mit der Obdachlosenzeitung in der Hand. Die meisten eilen achtlos vorbei. Ich entkomme seinem freundlich bittenden Blick nicht. „Keine Zeitung, Danke.“ – „Hast du vielleicht eine Spende für einen Kaffee?“ Gestern habe ich ihm einen Euro gegeben. Eine gute Investition in den beginnenden Tag. Ein so freundliches, herzliches Lächeln hat mich noch selten berührt: Ein Dankeschön aus tiefsten Herzen, serviert mit strahlendem Lächeln erleuchtetet für einen Moment den graukalten Kreuzberger Morgen. Der Moment der Aufmerksamkeit und Beachtung hat ihn mindestens so aufgemuntert wie der Euro, den er sichtlich überrascht noch einen Moment in der Hand hielt. Heute steht er wieder an der selben Stelle vor dem Edeka an der Hasenheide. Er hat mich sofort wiedererkannt, fragt mich wieder mit diesem fröhlichen Lächeln nach „einer Spende für einen Kaffee“. Diesmal habe ich mir die guten Wünsche für den neuen Tag und die Freude eines vergessenen Menschen für 2 Euro gekauft. Es hat sich gelohnt – für uns beide.

Advertisements