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Israels Armee ist gut organisiert. Auf meine Frage nach den Vorwürfen der israelischen Organisation „Shovrim Shtika“ („Das Schweigen brechen“) kommt prompt der versprochene Rückruf aus Jerusalem: In perfektem Deutsch lässt mich der Pressesprecher des „European Desk“ der IDF (Israeli Defense Forces, Israelische Verteidigungskräfte, wie die Armee offiziell heißt)  wissen, dass diese Geschichte „erfunden und erlogen“ sei.

Unter dem Motto „Das Schweigen brechen“ haben sich israelische Soldaten und Offiziere zusammen getan, die in Hebron gedient haben. In Ausstellungen, Vorträgen und auf Führungen durch die umstrittenste Stadt im Westjordanland berichten sie von ihren Erfahrungen als Besatzer.

In Hebron beschützen 650 Soldaten ein paar hundert jüdische Siedler, die mitten unter rund 180.000 Arabern (Palästinensern) leben. Frommen Juden und Muslimen ist Hebron heilig. Im „Grab des Patriarchen“ ruht unter anderem der gemeinsame Stammvater Abraham.  Nach jüdischer Überlieferung gründete König David hier sein erstes Reich, bevor er später nach Jerusalem zog. „Gott hat uns dieses Land versprochen. Deshalb müssen wir hier leben“, behaupten viele der jüdischen Siedler (längst nicht alle) und verweigern deshalb jede Verhandlung über das „biblische Kernland Judäa und Samaria“, wie sie das Westjordanland nennen.

Im Februar 1994 erschoss ein aus den USA eingewandertes Mitglied der rechtsradikalen Kach-Bewegung in der Ibrahim- (Abraham-) Moschee am „Grab der Patriarchen“ 29 (andere Quellen nennen 39 oder 52 Tote und 150 Verletzte) betende Palästinenser. Die Israelische Armee verhängte darauf hin eine zweiwöchige Ausgangssperre über die arabische Bevölkerung in Hebron, die nicht für die jüdischen Siedler galt.

Internet und Zeitungen sind voll mit Berichten über Siedler, die arabische Kinder auf dem Schulweg mit Steinen und Müll bewerfen und den palästinensischen Bauern ihre Olivenbäume zerstören. „Einmal haben uns Siedler mit Ziegelsteinen beworfen, als wir eine Delegation der deutschen F.D.P. durch Hebron geführt haben“, erzählt Yehuda Shaul, Mitbegründer der Gruppe „Das Schweigen brechen“. Die Soldaten hätten dabei zugesehen. Für Taten der Palästinenser sei nach dem Militärrecht die Armee zuständig. Gegen Ausschreitungen israelischer Zivilisten, also der Siedler, müsse de Polizei vorgehen. Doch die „traut sich normalerweise nicht in die Siedlungen.“ Shaul selbst habe gesehen, wie deren Bewohner Polizisten zusammengeschlagen hätten.

Yehuda, 31, ist nach Tel Aviv gekommen, um mir von seiner Arbeit zu erzählen: Ein Bär von einem jungen Mann. Er spricht klar und deutlich in perfektem nordamerikanischen Englisch. Seine Eltern stammen aus Kanada und den USA. Manche seiner deutlichen Worte unterstreicht der Reserve-Offizier mit einer deutlichen Handbewegung. Er scheint genau zu wissen, was er sagt und was er will.

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Wir sitzen im 18. Stock auf dem Balkon des Dan Panorama Hotels am Strand von Tel Aviv. Die Lichter der Stadt glitzern auf dem Wasser. Unten auf der Promenade gehen ein paar Leute spazieren. Ein freundlicher Kellner bringt Getränke. Tel Aviv ist für viele Israelis wie eine Insel, eine entspannte, lebensfrohe  „Bubble“ (Blase), bunter, fröhlicher und toleranter als der Rest des Landes. Die Schwulenszene der Stadt lockt viele Touristen aus dem In- und Ausland.  Während Homosexuelle hier in den Bars und auf den Straßen ungestört feiern können, haben Religiöse in Jerusalem die erste dortige Gay Pride vor ein paar Jahren angegriffen.

Am Nebentisch genießt ein junges Pärchen den romantischen Abend. Je mehr Yehuda aus Hebron erzählt, desto kritischer werden die Blicke unseres Tischnachbarn. Das Westjordanland liegt in einer anderen Welt: Rund 30 Kilometer sind es von hier zur ehemaligen Grenze. Die meisten Israelis waren noch nie dort – oder kennen die (besetzten) „Gebiete“ nur aus ihrer Armeezeit, wenn sie dort als Soldaten im Einsatz waren.

Mir fällt mein letzter Besuch in Israel wieder ein. Damals, während des Gaza-Kriegs 2008/09, habe sich die Kinder einen Ausflug in den Freizeitpark nach Rishon le Zion gewünscht. Auf der Autobahn wurde mir immer mulmiger. Erstmals schlugen damals Raketen aus Gaza in Ashdod und Ashkelon ein, keine 30 Kilometer südlich. Im Park merkte ich nichts vom nahen Krieg. Familien setzten sich gemütlich nach draußen zum Essen, die Kinder fuhren in den Karussells und Achterbahnen, quengelten und spielten wie in jeder beliebigen europäischen Stadt. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Verdrängen, würde wahrscheinlich ein Israeli gewinnen. Anders kann man in dem winzigen Land zwischen den Raketenbasen in Gaza, den Hisbollah-Stellungen im Libanon, dem Bürgerkrieg in Syrien und dem besetzten Westjordanland wohl nicht überleben.

„Jede Gesellschaft“, diagnostiziert Yehuda Shaul, „hat ihre Tabus, die sie in den Hinterhof verbannt, um nicht hinsehen zu müssen.“ In Israel sei dies die Besatzung. „Aber vier Millionen Palästinenser, zweieinhalb Millionen im Westjordanland und anderthalb Millionen in Gaza, werden nicht einfach verschwinden.“

 Shaul versteht sich nicht als Pazifist. Voller Überzeugung sei er zur Armee gegangen. Die Besatzung allerdings müsse Israel beenden. „Entweder wir ziehen ab oder wir geben den Palästinensern die gleichen Rechte wie unseren Leuten“, findet er. „Unser Job“, sagt er über „Das Schweigen brechen“, „ist der des Spielverderbers.“ Die meisten Menschen schauten lieber zum Fenster hinaus als in den Spiegel. Die israelische Gesellschaft habe ihre jungen Leute als Soldaten ins Westjordanland geschickt.  „Wir haben den Job für Euch gemacht. Jetzt sollt ihr auch wissen, was da draußen passiert.“ Die israelische Armee habe Hebron für die Siedler in eine Geisterstadt verwandelt. Manchen Altstadtbewohnern habe man „aus Sicherheitsgründen“ die Haustüren versiegelt, so dass sie nur noch über ihre Dächer nach draußen kämen. So genannte „sterile“ Straßen dürften Palästinenser nicht mehr betreten.

Die Soldaten hätten den Befehl, „die Besatzung spürbar machen“. Rund um die Uhr patroullierten sie durch die Stadt, machten nachts Lärm und seien angewiesen, wahllos mitten in der Nacht palästinensische Häuser zu durchsuchen: „Leute aus den Betten scheuchen, die Männer auf die eine Seite, die Frauen auf die andere, alles durchsuchen und wieder gehen“. Wir hatten Befehl, sagt Yehuda Shaul „den Alltag der Leute zu stören, sie die Besatzung spüren lassen und den Palästinensern das Gefühl zu vermitteln, dass sie ständig gejagt werden.“

Einen solchen Befehl gebe es definitiv nicht, versichert mir dagegen der Armeesprecher: „Das ist erfunden und erlogen.“ Shaul habe vor 14 Jahren in Hebron gedient. Seitdem habe sich viel geändert.

Du kennst doch den Nahen Osten?“, ergänzt der IDF-Mann. „Da erzählen doch so viele Leute so vieles, was sie selbst nicht wissen und was nicht stimmt.“

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